
Meine Bäume und Pflanzen
Von Ulrich Bergfelder, Juni 2026
Schirmpinie, Aleppokiefer, Zypresse, Tamariske, Feige, Olive, Paternosterbaum, Klebsamenbaum, Nussbaum, Mandelbaum, Gloire de Versaille, Eruthrina crista-galli Korallenbaum.
Jujube, Erdbeerbaum Corbezzolo, Moenchspfeffer chaste tree, Lorbeer, Kampfer, Feigenkaktus, Jacaranda, Golden Rain tree Blasenesche Koelreuteria, Garube, Flaschenbaum Kurrajong, Eucalyptus,wilde Pistazie, Mimose, Mimosa cuattro stagioni, Seideneiche, Yuccapalme, Hanfpalme, Washington Palme, Granatapfel, Cycas, brasilianische Guave, Albizia, Strandmimose, Oleander, Malve, Liguster.
Klettertrompete, Kapgeissblatt-cape honeysuckle,Magnolie, Dattura, Agave, Flaschenputzer, Plumbago, Rosmarin, Gardenie, Jasmin, Bougainvillea, Kaper, Thymian, Cornellkirsche, Catalpa, Pfefferbaum, Bergamotte, Zitrone, Apfelsine, Mandarine, Maulbeerbaum, Pflaumenbaum
Es fehlen noch Aprikose,Pfirsich, Judasbaum, Granatapfel und Kako, und Quitte, Ginster, Rose, Lavendel, Rosmarin, Thymian.
Wandelröschen,Mastix, Aloe, Osmanthus, Zistrose, Speierling.
Und dann natürlich noch den alten Weinstock! Und nicht zu vergessen jelängerjelieber!
Zu guter Letzt wen wohl: das Eisenkraut, die gute Verbene.
10 Jahre Apulien
Von Ulrich Bergfelder, März 2025
Ich hätte müssen wacher sein, der Tipp kam eigentlich von Gabriele, der weitgereisten Hebamme. Aber weit gereist bedeutet ja nur, dass man überall war, aber von nichts etwas mitbekommen hat. Die Hauptsache ist, man hat Fotos auf dem Smartphone.
Ich hätte mir mehr Gedanken machen müssen, wieso es hier alles so viel billiger als im Norden ist. Und ich hätte mir Gedanken darüber machen müssen, was das wohl für Leute sind, die sich hier niederlassen wollen. Ich war erstmal geblendet… Es war ja fast wie Formentera vor 50 Jahren, das Klima, die Vegetation, das Meer, die fast orientalische Architektur, die Natursteinmauern, die Feigenbäume, die kubischen Häuschen. Und ich konnte mir tatsächlich ein kleines Haus hier leisten mit einem genug grossen Grundstück.
Doch ich war wieder nicht wachsam. In Formentera war alles offen, man konnte überall hineingehen, die Leute waren zwar verschlossen, aber ehrlich. Doch hier ganz anders. Man pflanzt ein paar Bäumchen, sie werden ausgegraben und gestohlen. Man macht einen Zaun, der Zaun wird auch gestohlen…
Man muss eine Mauer und einen Zaun um das ganze Grundstück machen lassen, man braucht dann eine Alarmanlage, um das alles bewachen zu lassen. Dann kommen die Videokameras, der Stacheldraht…
Dann braucht man natürlich Wasser, d.h. Brunnen bohren, Elektrizität für die Pumpen…
Dann die Leute, die man hier so kennenlernt. Alles Leute, die eigentlich Italiener blöd finden, selber kein Italienisch sprechen und am liebsten bei LIDL ihren deutschen Kram kaufen. Andere Ausländer gibt es so gut wie keine. Wenn mal ein ausländisches Auto auftaucht, ist es sicher ein deutscher SUV oder ein VW-Bus.
Alles Italienische ist diesen Leuten suspekt. Italiener betrügen, sind falsch und meistens Diebe. Am liebsten bringen diese Deutschen sogar das Baumaterial und die Handwerker aus Deutschland mit, die Italiener sind einfach zu blöd und vor allem betrügen die Italiener einem ja dauernd. Also besser alles mit Deutschen machen und unter sich bleiben.
Italiener sind eher Trottel und haben so Namen wie Giuseppe Metallico oder Antonio Aeroporto oder Francesco Allarme. Italienisch lernen ist unnötig, weil die Italiener einen ja permanent auf englisch ansprechen. Man sieht uns ja zum Glück sofort an, dass wir nicht von hier sind, und so werden wir dann auch behandelt.
Dann das Verhältnis mit der Natur. Die Natur ist der Feind, da muss man Feuer legen, da muss man seinen Müll abschmeissen, da muss man alles vergiften, damit ja kein Insekt oder Vogel sich breitmacht, und wenn dann noch einer übrig bleibt, muss man ihn sofort abschiessen.
Autos sind ganz wichtig, am besten ein überdimensionierter SUV oder Jeep, mit dem man kaum durch die engen Gassen kommt.
Und dann die Tätowierungen, ohne geht es gar nicht. Die Frauen meistens dick, birnenförmig und uncharmant. Die Männer alle die gleichen dummen Frisuren und Sonnenbrillen.
Zu guter letzt noch die Xylella. Da haben sie jahrhundertelang die Erde vergiftet, scheußliches Lampenöl produziert und jetzt, wo die Bäume endlich aufgegeben haben und sich nicht mehr wehren können und eingehen, wird Primitivo angepflanzt. Industrielle Monokultur, braucht am Anfang viel Wasser, und kein Tier verläuft sich in diesen Weinfeldern.
Ja, klingt alles nicht so sexy.
Aber ich versuche trotz allem, hier eine kleine Oase mit besonderen Pflanzen herzustellen. Bin leider zu alt und zu behindert, um das noch in voller Blüte zu erleben, aber macht nichts. Die Essenskultur hier ist halt die Essenskultur von armen Leuten. Viel Gemuesepurree, bittere wilde Kräuter, die man am vermüllten Straßenrand pflücken kann. Ganz toll ist dann Fleisch in jeder Form am Grill. Würste, Steaks, Hamburger, je amerikanischer, desto besser. Zum Glück gibt es leckeren frischen Fisch und Muscheln.
Gewürze sind nicht so beliebt, es soll möglich langweilig schmecken.
Wein: Es gibt wunderbaren Primitivo, aber den trinkt der Einheimische nicht. Es muss Raffo-Bier sein und die leere Flasche muss dann direkt aus dem Auto heraus durchs Fenster entsorgt werden. Das ist cool.
So, was ist denn nun so schön hier? Die Leute sind freundlich, aber Freunde werden sie nie. Wir sind ihnen zu fremd. Die Strände sind traumhaft! Man muss allerdings einen Müllsack mitnehmen, um den ganzen Scheiss einzusammeln, den die Einheimischen da zurücklassen, Zigarettenkippen, Plastikbecher, Plastikflaschen etc. You name it!
Es gibt zum Glück immer wieder Feste mit viel lauter und schlechter Musik. Die traditionelle Tarantella ist nicht mehr so beliebt, das ist mehr was für Touristen.
So, das wars erstmal!
Nein seit heute gibt es Neues. Während ich gestern in Lecce in der Augenklinik war, ist hier eingebrochen worden. Alles durchwühlt und das Haus ein einziges Chaos. Selbst die Teedose haben sie ausgekippt, wahrscheinlich auf der verzweifelten Suche nach Geld oder Schmuck. Die Diebe kamen offensichtlich auf einem Motorrad, man sieht noch Spuren an der Stelle auf dem Nachbargrundstück, wo der Zaun aufgebrochen wurde.
Gestohlen wurde die Motorsäge und zwei Baumscheren. Größeres konnten sie wohl nicht mitnehmen. Ich habe die beiden Mähmaschinen und den Schnurmäher weggebracht zu Giuseppe. Die Tür zur Werkstatt haben sie aufgebrochen und die Persiana zum Bad kaputt gemacht. Ausserdem haben sie die gesamte Mandelernte von diesem Jahr mitgenommen. Das ist eigentlich das schlimmste!
Ich werde in Zukunft die Türen auflassen, so müssen sie keine Schäden verursachen. Diese Leute sind einfach so blöd, dass sie nicht mal merken, dass wir die falschen Objekte sind. Die müssen zu den SUVs gehen und den Swimming Pools.
Ich bin es wirklich satt hier, die Dummheit der Dreck, die Naturzerstörung, das Publikum.
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Killer-Bakterium breitet sich aus
Seit 2013 wütet das Bakterium Xylella in süditalienischen Olivenhainen. Der Befall führt dazu, dass die Olivenbäume austrocknen. Ernten brechen ein und ganze Landstriche sind verwüstet. Viele Bauern fürchten um ihre Existenz. Versprochene Hilfen sind bei ihnen noch nicht angekommen. Ist die Olivenpest noch zu stoppen?
"Ich verbringe meine Sommer im Salento. Wenn ich aus der Ferne an die Orte dort denke, und das kommt oft vor, dann fallen mir vor allem die Olivenbäume ein. An der Straße, die von Ostuni zum Meer führt, gibt es so alte und majestätische Exemplare, dass man bei ihrem Anblick nicht an Pflanzen denkt. Sie haben ausdrucksstarke Stämme, sie scheinen fühlende Wesen. Manchmal habe auch ich dem magischen Impuls nachgegeben, einen von ihnen zu umarmen, um ihm etwas von seiner Kraft zu rauben.
Der Parasit Xylella fastidiosa ist zuerst 2010 bei Gallipoli aufgetaucht. Von dort hat er seinen geduldigen Marsch in Richtung Norden angetreten und Kilometer für Kilometer die Olivenbäume befallen. Erst schienen es nur Büschel von der Sonne vertrocknete Blätter zu sein, aber mit der Zeit verwandelten sich die Bäume in Skelette. Letzten Sommer als ich auf der Autobahn von Brindisi nach Lecce fuhr, sah ich Friedhöfe von grauen Bäumen.
Und doch haben zehn Jahre nicht genügt, dass man sich einig wurde.
| Xylella git es. | Nein, Xylella gibt es nicht. |
| Xylella wird alle Olivenbäume befallen. | Xylella befällt nur ungepflegte Olivenbäume. |
| Xylella wird durch Pestizide verursacht. | Xylella befällt nur ungepflegte Olivenbäume. |
| Xylella wird durch Pestizide verursacht. | Xylella kommt aus China (die sind schuld). |
| Wir müssen alle Bäume im Umkreis von hundert Metern rund um ein infiziertes Exemplar ausreißen. | Es genügt ein bisschen Kalk auf die Stämme, wie wir es immer gemacht haben. Keiner wage unsere Olivenbäume anzurühren. |
Die Epidemie ist ein regionales Problem.
Sie ist ein nationales Problem.
Sie ist ein europäisches Problem.
Unterdessen bereitet der Parasit sich aus, vermehrt sich ungestört. Er taucht auf in Antibes, auf Korsika und Mallorca. Xylella liebt Ferienorte."
Paolo Gioardano
In Zeiten der Ansteckung
Copyright by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
April 2020
Die italienische Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel „Nel Contago“ bei Enaudi Turi
Der deutsche Sportwagenbauer hat sich mit einem Testgelände im Süden Italiens sehr viel Ärger eingefahren – auch wegen Steineichen.
Text von Marc Beise, Süddeutsche Zeitung Nr. 86, Samstag/Sonntag, 13./14. April 2024
Die Setzlinge sind sehr klein, nicht mal kniehoch. Tausende von ihnen werden auf dem großen Feld ausgebracht. Die Gärtner graben in engem Abstand Löcher, fügen Dünger hinzu und setzen dann das Grün ein, an Stöckchen befestigt. Klitzekleine Bäumchen, aus denen einmal mächtige Eichen werden sollen.
Dem Porsche-Manager Antonio Gratis ist es ein Bedürfnis, das zu zeigen. Seht her, will er sagen: So etwas Fragiles machen wir hier in meiner italienischen Heimat, wo wir doch eigentlich in Deutschland schwere und teure Autos bauen. Wir befinden uns im apulischen Salento, auf dem Absatz des italienischen Stiefels, 20 Kilometer nördlich der Stadt Nardò.
Gratis ist in dieser Region aufgewachsen, ehe er wie so viele junge Menschen nach Norden und ins Ausland gegangen ist undin der Autoindustrie Karriere gemacht hat. Später hat ihn Porsche mit der Leitung des Nardò Technical Center betraut – für ihn die Chance, als gemachter Mann in die Heimat zurückzukommen. Auch hier hat er mit schnellen Autos zu tun aber neuerdings eben auch mit winzig kleinen Bäumen.
Da im Salento früher, vor 2000 Jahren, reichlich Bäume standen, ehe sie erst dem grenzenlosen Holzbedarf des römischen Weltreichs zum Opfer fielen und später der Industrialisierung, kann man bei dem, was jetzt hier geschieht, gut und gerne von Wiederaufforstung reden, von Renaturierung – wer sollte das nicht mögen?
Das Problem von Signor Gratis ist auch nicht dieser Acker, auf den er augenblicklich wohlwollend blickt. Das Problem liegt hinter seinem Rücken, auf der anderen Seite der kleinen Landstraße. Dort verläuft eine lange und hohe Mauer, die so weit reicht, wie das Auge sehen kann, sie schirmt eine Rennstrecke ab, 12,6 Kilometer, die in einem großen Kreis verläuft: Der Ring von Nardò.
Von jenseits der Mauer hört man gelegentlich die vorbeizischenden Autos, die Pista gilt als der schnellste Rundkurs der Welt. Durch einen kurzen Tunnel kommt man in den Ring, es gibt dort Landhäuser, Agrarbetriebe, Menschen, die hier wohnen und arbeiten und die sich bisher mit dem Testgelände mehr oder weniger arrangiert haben. Es war ja sozusagen schon immer da,jedenfalls seit es Fiatin den 1970er-Jahren in Betrieb genommen hat, mit staatlichen Fördermitteln, um die strukturschwache Region zu stützen.
Der Autokonzern aus Turin war einmal eine bestimmende Machtin Italien, lange vorbei, heute gehört Fiat den Franzosen. Und entsprechend hat 2012 Porsche Engineering das Projekt übernommen. Der Firma gehört die runde Rennstrecke und ein Drittel der Innenraumfläche: Das Nardò Technical Center ist gut gesichert, es gilt Firmengeheimnisse zu bewahren. Hier werden Porsche-Fahrzeuge getestet, aber auch viele andere Fabrikate. Autofirmen, Reifenbauer, Formel-1-Rennställe, alle kommen sie hierher, der Ring liegt gar zu praktisch da. Die Region profitiert mit neun Millionen Euro jährlich, sagen die Betreiber des Testzentrums, Hotels und Gastronomie im nahe gelegenen Küstenort Porto Cesareo sind auch außerhalb der Saison gut gebucht.
Nun aber will Porsche expandieren, die Entwicklung des Automobils verlangt danach, sagt Antonio Gratis. Immer nur möglichst schnell im Kreis fahren, das war einmal, jetzt geht es um stromfressende E-Autos und das komplexe Fahrverhalten autonomer Fahrzeuge. Dazu braucht es neue Straßen, kreuz und quer verlegt. Nur leider ist auf den unberührten Stellen des Porsche-Geländes im Ring über die Jahre ein wunderbarer Urwald gewachsen. Kein Wald so mächtig wie in einem „Herr der Ringe“-Film, aber doch ein ansehnliches Stück Natur. Wildwuchs, mal groß, mal klein, schier undurchdringlich. Aus der Luft sieht man ihn liegen, dicht und dunkelgrün und wunderschön.
Bis zu 200 Jahre sollen die Steineichen alt sein, etwas Vergleichbares gebe es nicht im Salento, sagen Umweltschützer, weshalb die EU-Habitat Richtlinie von 1992 einschlägig sei, die die Artenvielfalt durch die Erhaltung der natürlichen Lebensräume schützen will. Der Wald ist des Porsche-Managers Gratis Albtraum geworden. Denn er muss, um seine neuen Pisten zu bauen, Gelände roden, insgesamt 200 Hektar. Bis vor Kurzem schien das kein Problem zu sein. Für die Ingenieure war die Sache eh klar:
Der Wald muss weg, macht aber nix, sie würden das kompensieren. Das ist ja heute das Zauberwort. Wer die Umwelt schädigt, weil er baut, produziert, fliegt, kompensiert anderswo. Staaten kompensieren, Unternehmen, Privatmenschen. Und Porsche, mit der Zentrale im Schwabenland, wo seit zehn Jahren die Grünen regieren, will natürlich auch kompensieren, sogar dreifach überkompensieren. Man werde 600 Hektar bepflanzen, mit 1,2Millionen Bäumchen, so das Versprechen. Bis zur zwei Kilometer entfernten Küste mit der Punta Prosciutto, einem von Apuliens Traumstränden, soll ein Naherholungs und Freizeitgebiet entstehen und unterhalten werden, auch dort, wo heute nur Müll im Gestrüpp liegt. Universitäten sollen unterstützt werden, in der Provinzhauptstadt Lecce entsteht bereits ein Forschungszentrum mit 30 Arbeitsplätzen.
Das erneuerte Testgelände werde einen Hubschrauberlandeplatz erhalten, den auch die Krankenhäuser der Region nutzen können, und die Werksfeuerwehr werde mehr noch als heute die ganze Gegend beschützen. Hier im Salento, muss man wissen, brennt es im Sommer häufig, und auch bisher schon waren die Menschen froh, wenn sie den Löschzug aus dem Testgelände anfordern konnten. All dessen eingedenk sah Porsche-Manager Gratis lange keinen Grund zur Sorge. Bis Enzo Debonis mit seiner kleinen Bürgerinitiative „Custodi del Bosco d’Arneo“, Wächter des Arneo-Waldes, auf den Plan trat, unterstützt von den Anwohnern im Ring und von Ennio Cillo von „Italia Nostra“, einem der ältesten italienischen Umweltverbände mit Sitz in Rom. In Lecce halten Debonis und Cillo eine Pressekonferenz ab. Noch ist das eine eher kleine Sache, damals im Februar 2024.
Die Lokalpresse ist anwesend, einige weitere Beobachter, aber auch ein Fernsehteam vom ARD-Studio Rom, und die Süddeutsche Zeitung. Man kann nicht eben sagen, dass hier eine Revolution in der Luft liegt. Gut situierte Leute treten auf, Ex-Manager, ein ehemaliger Richter, keine Revolutionäre. Niemand hier will Porsche das Autobauen vermiesen, niemand stellt – wie das sogar der Papst tut – den Kapitalismus an den Pranger. Sie wollen einfach nur, dass Porsche den Wald auf dem firmeneigenen Gelände unangetastet lässt. Und damit werden sie bald großen Erfolg haben. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet die Steineichen Kern des Problems sind. Dass sie nämlich so schön gewachsen sind, ungestört vom Menschen und unversehrt durch Waldbrände, ist just dem Umstand zu verdanken, dass sie abgeschirmt und von der Werksfeuerwehr bewacht auf Porsche-Gelände stehen. Das jetzt teilweise zu roden, sei ein nie mehr gutzumachendes Vergehen, sagen die Umweltschützer. Neuanpflanzungen seien gut und schön, aber kein adäquater Ersatz.
Man müsse halt 20 Jahre nach vorne denken, erwidern die Porsche-Leute, dann bekomme die Gegend waldmäßig mehr, als sie jetzt verliere. Das sei noch sehr die Frage, so die Replik, ob die Bäume es schaffen, im Salento herrscht mittlerweile eine dramatische Wasserarmut, das Grundwasser versalzt, neue Bäume großziehen zu wollen, sei eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Und der alte Wald ist nun mal schon da, stark und gesund. Macht doch die Erweiterung auf den neu gekauften Grundstücken außerhalb des Rings, fordern Debonis, Cillo und ihre Mitstreiter. Das kommt für Porsche bisher nicht infrage, das Testgeschäft ist sensibel und soll weiter hinter Mauern stattfinden. Aber so richtig gut begründen können sie die Weigerung nicht, und die Bürgerinitiative beklagt Geheimniskrämerei und Intransparenz. So ging das im Frühjahr hin und her, aber Porsche war noch nicht wirklich beunruhigt, es lagen alle staatlichen Genehmigungen von der Gemeinde bis zur Regionalregierung im fernen Bari vor, namentlich der Präsident Apuliens, der Sozialdemokrat Michele Emiliano, hatte grünes Licht gegeben.
Aber dann kam die Medienöffentlichkeit, die Bürgerinitiative vernetzte sich mit Umweltverbänden im Ausland, selbst vor der Zentrale in Zuffenhausen bei Stuttgart gab es Proteste, und man kann vermuten, dass die oberste Firmenleitung erst da eine Ahnung von dem Unwetter bekam, das sich im fernen Apulien zusammenbraute. In deutschen Konzernzentralen weiß man natürlich heutzutage, dass man mit Nichtregierungsorganisationen und Anwohnern arbeiten muss und nicht gegen sie, dass Kommunikation das A und O ist, so steht es in jedem PR-Handbuch. Sich nur auf behördliche Genehmigungen zu verlassen, kann schiefgehen. Denn mittlerweile ist auch die EU-Kommission in Brüssel aufmerksam geworden, und sie hat die Regionalregierung in Apulien aufgefordert, das Verfahren noch einmal auf seine Umweltverträglichkeit zu prüfen. Obendrein wird in Apulien bald gewählt, die Sozialdemokraten stehen unter Druck, die Rechten unter der Ministerpräsidentin Giorgia Meloni in Rom haben allgemein Oberwasser, und ausgerechnet da soll ein linker Regionalpräsident sich als Umweltzerstörer angreifbar machen? Und so stehen die Ingenieure von Nardò unversehensmitleeren Händen da.
Die Rodungsgenehmigung ist ausgesetzt, das Projekt erst einmal für sechs Monate auf Eis gelegt. Bei Porsche überlegt man jetzt, was tun? Bisher hat man mit Standortverlagerung eher vage gedroht, schließlich hat man sich im Salento etwas aufgebaut. Nicht ohne Grund sollen 450 Millionen Euro investiert werden binnen zehn Jahren, man muss den Kunden, die hier testen, etwas bieten, damit sie nicht abwandern, es gibt auch andere Strecken in Europa. Wahrscheinlich muss man jetzt ganz viel reden, mit Anwohnern und Umweltschützern. Muss größtmögliche Transparenz üben und, ja, sich mehr Mühe geben, über Alternativen nachdenken: vielleicht doch draußen bauen, vor der Mauer? Vorbild könnte ausgerechnet der Sohn des Firmengründers selbst sein, sagt Joachim Holder, Ingenieur aus Deutschland, regelmäßig im Salento und mit der Bürgerinitiative liiert.
Als Ferry Porsche in den 1950er-Jahren in der Umgebung von Zuffenhausen ein passendes Gelände für ein Entwicklungszentrum suchte, habe er seine Ingenieure damit genervt, dass er großen Wert auf Umweltschutz legte und fruchtbare Äcker nicht einer Teststrecke opfern wollte, hat Holder recherchiert. Am Ende wurde der Standort Weissach gefunden, und es war gut so. So viel Hartnäckigkeit in Sachen Nachhaltigkeit, findet Holder, müsse man von den heutigen Firmenlenkern doch erst recht erwarten können.
Passend dazu: Janis Joplin-Mercedes Benz(original) (youtube.com)
Sogar vom Weltraum aus ist sie als Ring mitten in der Landschaft klar zu erkennen: die Porsche-Teststrecke in der süditalienischen Region Apulien. Hier werden die Autos der Zukunft entwickelt. Und dafür braucht es jetzt mehr Platz. Porsche will daher 200 Hektar Wald roden lassen – mit teils mehrere hundert Jahre alten Bäumen. Im Gegenzug soll an anderer Stelle aufgeforstet werden. Doch das beruhigt die Anwohner nicht. Sie haben Einspruch eingelegt. Aber schon im Februar soll mit den ersten Rodungen begonnen.
18.02.2024 ∙ Europamagazin ∙ Das Erste
Italien: Wald statt Asphalt – Porsche Teststrecke wird nicht ausgebaut
Neue Zürcher Zeitung, 03.11.2015
Der Weltmarkt verlangt nach edlem Olivenöl aus Italien, doch viele Produzenten und Händler liefern gepanschte Billigware. Mit Schwindel und Betrug verkaufen sie minderwertiges ausländisches Öl als Extra Vergine, auch in der Schweiz.
Auf den ersten Blick erkennt man kaum, was vor der Olivenmühle bei Manduria auf grossen Haufen liegt; braun wie Kompost und voller Fliegen. Ein Bagger füllt seine Schaufel und verschwindet in einer Halle. Es sind Oliven, aber nicht solche, wie wir sie kennen: Sie sind da terra, vom Boden zusammengewischt. In allen umliegenden Dörfern kauft die Mühle solche Oliven zusammen, und niemand weiss, wie lange sie vor dem Aufwischen schon im Staub oder Schlamm gelegen haben.
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Filmdatenblatt "In Grazia di Dio"
Italien 2014, 131 Min
von Edoardo Winspeare
Was wir an Italien lieben…
10 Things We Love About Italy
„Der Duft eines Oreganozweiges oder das Aroma des sardischen Miele amaro (bitterer Honig) halten die Erinnerung an italienische Schauplätze viel intensiver fest als Fotos. Und das zierliche Lamm aus Mandelpaste und Rosenwasser, das man den Freunden mitbringt, wird sie verlocken, das fabelhafte Marzipan der Klosterfrauen von Lecce beim nächsten Urlaub selbst einzukaufen.
Alice Vollenweider


„Irgendwie klar auch, dass Luca links wählt und Leo rechts. Wobei das italienische politische System es einem nicht einfach macht: die Linken hatten ja vor Berlusconi die Chance und habe es grandios vermasselt, während die Rechten Berlusconi auch nicht sehr liebten. Jetzt sind wieder die Linken dran. Mal sehen, was sie diesmal anstellen. Der Medienunternehmer mit der bei der Niederschrift dieses Buches frisch überstandenen Schönheitsoperation wird im Parteienspektrum übrigens nicht unbedingt als rechts gesehen (er brauch ja auch die Stimme des kleinen Mannes, vor allem des kleinen süditalienischen Mannes) – die Rechte geht in Italien so etwa bei den Neofaschisten los, die inzwischen sogar auch als halbwegs gemäßigt gelten, weil es rechts davon ja immer noch die Lega Nord gibt, die den Süden loswerden will. Ein ziemliches Schlamassel also.“
Stefan Mailwald, aus: Laura, Leo, Luca und ich. Wie man in einer italienischen Familie überlebt. DTV 20960, Januar 2007
„Freizeit. Sie wirkt sich auf die ästhetische Qualität unserer Umwelt aus wie die Industrieabwässer des Po auf die Adria. Sie ist verantwortlich für so widerliche und unappetitliche Dinge wie Freizeitkleidung, Autostaus, Trimm-dich-Pfade, Fast-Food-Buden, Europaparks, Busreisen, Wandergruppen, Rasenpflege, Straßenfeste und ähnliches. Freizeit ist die Wiedergeburt des Pöbels aus dem Geist des Wohlstands. Und auch diesem Grund bin ich auch absolut für die 50-Stunden-Woche.“
Wolfram Siebeck

