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Sonnenschirm

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Wenn man noch weit von einem Feigenbaum entfernt ist, führt er einen mit seinen großen grünen Schirmen leicht irre; doch wenn man näher kommt, bemerkt man, dass seine rauhen, haarigen, bedrohlich aussehenden Blätter süße Früchte verbergen und beschützen.
Tommaso Di Ciaula

"Ich habe einen Traum. Einen Traum von Mittelmeer, von Felsen und Salz, nach wildem Rosmarin duftend, klar, smaragdfarben, bläulich. Einen Traum, der sich in den Wellen, der Gischt, in den Geheimnissen des Meeres verliert. Es ist ein Traum von Vermischung: eine Komposition arabischer Noten und balkanischer Klänge; dazu Griechisches – wie die weissen Steine von Otranto – und Provençalisches – wie in den Klängen des Apennins. Ich träume den Traum eines friedlichen Miteinanders, von gegenseitiger Bereicherung bei aller Andersartigkeit, von einem Zusammenleben, bei dem alle Beteiligten gewinnen. Genau hier, an diesem Ort der Erde, der so reich ist an Erzählungen, ein Ort, der von Kreuzung und Vermischung der Kulturen nur so strotzt. Wo Männer und Frauen kamen und gingen, Kaufleute und Pilger ihre Wege kreuzten auf antiken Strassen, wo schwarze Madonnen aus dem Osten zusammen mit Gewürzen und Sklaven von den Schiffen geladen wurden. An diesem Ort, mit Landstrichen, die nach der Tomatenernte abgefackelt werden, und Ecken, in denen Zwiebel- und Honiggeruch auf wundersame Weise eins werden. Für mich ist dieser Traum immer mit diesem Meer verbunden – oder mit diesen Meeren. Mit den Seeleuten, Eroberern und Migranten, die diese Meere unablässig überquert haben. Man vergisst hier keine noch so kleine Geschichte zwischen ägäischem und ionischem Meer. Hier treffen die vielen Versprechen, herausgesprudelt aus dem Taufwasser unserer Alles-ist-möglich-Kultur, auf Hoffnungen: die Hoffnungen der Armen, Aussenstehenden, Flüchtlinge und Flüchtigen, für die dasselbe Meer allzu oft ein Friedhof geworden ist. In den politischen und medialen Kriegen unserer Tage fehlt die Zeit, sich um die Angelegenheiten und Leiden der anderen zu kümmern.

Mein Traum beginnt, wo dein Alptraum aufhört, möchte ich dem namenlosen Einwanderer zurufen, der sich im Laderaum von Piraten versteckt hält, der um nicht weiter als sein blankes Leben bittet und kaum mehr den Atem hat, mir seinen zu erzählen: seinen persönlichen Mittelmeertraum."

NICHI VENDOLA in: Katja Büllmann – Apulien. Typen, Träumer, Lebenskünstler: Land und Menschen an einem Rande Europas. Mit Fotografien von Giovanni Troilo. Corso Verlag, Hamburg. Oktober 2011

ARD-Mediathek: Blutige Tomaten - Harte Erntebedingungen in Italien

Eine Kreuzfahrt im Mittelmeer bietet dem Europäer grenzenlose Abwechslung. Vom Oberdeck schaut der Tourist auf malerische Dörfer, es geht vorbei an Lampedusa mit seinen knuspergelben Sandstränden. Historisch wertvolle Kunstschätze säumen die unvergessliche Reise, und die Sonne ist stets dabei. Das Mittelmeer ist das heimliche Herz des Abendlandes, die Römer nannten es mare nostrum. Tausende toter Körper liegen auf seinem schwarzen Grund, Menschen, die bei der Überfahrt von Afrika ins gelobte Land Europa ertranken. Frauen, Männer, Kinder. Das Mittelmeer ist Europas Massengrab; seine Toten haben keine Namen und ihre Tragödie hat kein Gesicht.
Schönen Urlaub.

Thomas Assheuer, aus: Europas Massengrab, Die ZEIT Nr. 23, 28. Mai 2014

URLAUB 2011
Seite 5/6:

Welcher Sommer?
Hitze im Salento

Apulien. Wo die Zikaden zur Siesta zirpen

Italien ist ja auch nicht mehr wie im Prospekt, aber der Sommer wohnt immer noch hier. Er residiert ungefähr so lang, wie die Schulferien der Kinder dauern: geschlagene drei Monate. Von Mitte Juni bis Mitte September Licht, Sonne, Hitze. Am sommerlichsten ist der Sommer im Salento. Südapulien, Stiefelabsatz, weiße Häuser, ein Meer von Olivenbäumen, dazu das Ionische Meer und die Adria. Halb Europa sehnt sich nach dem Sommer, hier herrscht er wie ein Diktator. Schon frühmorgens ist es so heiß, dass man im Schatten Eiskaffee mit Mandelmilch trinkt. Spätestens um 7.30 Uhr trollt man sich zum Strand. Ein, zwei Stündchen im lauen Sand, in der türkisfarbenen großen Badewanne, danach herrscht selbst im Wasser Verbrennungsgefahr.

Mittags steht die Sonne so hoch, strahlt ihr Licht so gnadenlos, dass die Olivenbäume sich nicht trauen, Schatten zu werfen. Die Zikaden aber ratschen ihren Sommerchoral. Zitzitzitzitziiitzitzit. Sie zirpen uns in den Schlaf der Siesta, alle Fensterläden fest verschlossen. Erst abends, wenn eine leichte Brise die Bougainvilleen im Hof erschauern lässt, geht das Leben weiter. Die Nacht wird zum Tag, Hochzeitsfeiern, Trauerzüge bewegen sich nicht vor Sonnenuntergang. Wenn der Sommer sein gleißendes Haupt verhüllt, dann atmen alle auf. Und zu später Stunde, wenn der kühle Roséwein die Gedanken klarer werden lässt, denken wir auch mal an Deutschland. Elf Grad! Brrr, es fröstelt uns. Aber vorstellen kann es sich keiner.
Von Birgit Schönau

Ferdinand Gregorovius
Wanderjahre in Italien

Noch vor einigen Jahren war eine Reise nach Tarent ein so schwieriges Unternehmen, dass nur wenige Ausländer, Gelehrte und Altertumsforscher diese berühmte Stadt gesehen haben. Heute ist sie in das Eisenbahnsystem aufgenommen, wie fast schon das gesamte Großgriechenland, und ohne Mühe und Gefahr können fortan alle die Stätten durchforscht werden, auf denen einst um den herrlichen Golf her die großgriechischen Kolonien geblüht haben.

Die adriatische Bahn teilt sich in Bari in zwei Linien; die eine geht längs des Meeres über Brindisi fort und endet im Hafen Otranto; die andere führt quer durch das Land geradezu nach Tarent. Die Fahrt auf dieser Linie ist kurz, aber wenig anziehend. Wenn man mehr vom Lande kennenlernen will, muss man bis Brindisi oder Lecce fahren, um entweder von jener Stadt über Oria oder von dieser über Manduria Tarent zu erreichen, und das ist so hier wie dort eine bequeme Tagereise im Mietwagen. Man durchschneidet dabei die ganze messapische Halbinsel an ihrer Basis.

Im Jahre 1874 war ich von Bari nach Tarent gefahren; diesmal wählten wir die andere Straße von Lecce aus. Es ist eine Reise von zwölf Stunden auf einer vorzüglichen Fahrstraße.

Nahe vor dem Tor Lecces, aus welchem man auf diese gelangt, steht ein moderner Obelisk mit den Symbolen der vier Distrikte der Terra d'Otranto. Das Wappen Otrantos ist ein Delphin, welcher einen Halbmond im Maule trägt. Er wurde der Stadt zur Erinnerung an ihre Befreiung aus der Gewalt der Türken verliehen, welche sie im Jahre 1480 unter unsagbaren Greueln erobert hatten.

Das Land ist durchaus eben, ein fortgesetzter Olivengarten, und deshalb ermüdend und eintönig. Die wohlgeordnete Kultur desselben würde auf Wohlstand des Landvolkes schließen lassen, wenn man nicht wüsste, dass sich die meisten Güter in den Händen großer Barone befinden. Trotzdem macht die Bevölkerung in den Ortschaften nicht den Eindruck der Armut, wie in andern vom Weltverkehr minder entfernten Gegenden Süditaliens. Sehr sauber erschienen die Fuhrwerke der Bauern; die weißen Ochsen, welche sie ziehen, sind stets mit einem roten Stirnbande geschmückt.

Dass man sich hier in einem Lande uralter bis zur Mythenzeit hinaufreichender Völker befindet, lehren hie und da antike Namen, so der eines Ortes «Campi Salentini».

Wir erreichten um die Mittagszeit Manduria, eine alte Stadt, welche erst vor kurzem ihren neuern Namen Casal nuovo wieder abgelegt hat. Manduria wird mehrmals in der Geschichte genannt. Vor ihren Mauern fiel Archidamus von Sparta, der Sohn des Königs Agesilaos, im Kampfe mit den Messapiern als General der Tarentiner. Hannibal eroberte die Stadt, Fabius Maximus entriss sie den Karthagern; so wurde sie römisch. Sie muss im Altertum ein ansehnlicher Ort gewesen sein; das zeigen noch Reste der antiken Stadtmauern, welche man draußen auf dem Felde, wie neben dem Marktplatze wohlerhalten sieht, Bauwerke aus kolossalen Quadersteinen, hie und da noch in der ursprünglichen Höhe aufrecht stehend. Man trifft auch antike Zisternen und eine berühmte Quelle in einer Grotte, von deren immer sich gleichbleibender Fülle schon Plinius geredet hat.

Die Stadt soll erst von den Goten unter Totila zerstört worden sein; dann bauten sie die Byzantiner wieder auf, aber im 10. Jahrhundert erlitt sie wiederholte Verwüstungen durch die Sarazenen. Diese von Afrika und Sizilien herübergekommenen Horden waren die eigentlichen Verderber beider Kalabrien und Apuliens. Sie vernichteten die Städte dieser gesegneten Länder und schleppten deren Bewohner in die Sklaverei. Italienische Geschichtsschreiber gefallen sich heute in einer gewissen romantischen Vorliebe für die arabische Epoche Siziliens. Hat sich aber die Herrschaft der Araber dort im Grunde wirklich viel über den Charakter afrikanischer Raubstaaten erhoben? Wenigstens waren sie geradeso ohnmächtig, eine neue für das Abendland bedeutende Kultur in Sizilien und Kalabrien zu erschaffen, wie die Türken in Kleinasien und Griechenland. Sie zerstörten dort (und das ist tief zu beklagen) die Reste der antiken Welt; mit den Klöstern, welche sie verbrannten, gingen auch viele literarische Schätze des Altertums zugrunde.

Die Normannen retteten endlich Süditalien und Sizilien aus der Gewalt dieser Afrikaner, und mit ihrer ewig denkwürdigen Herrschaft stellte sich die lateinische Kultur in Sizilien wieder her und belebte sich auch das ganz wüst gewordene Kalabrien wieder.

Manduria wurde von Roger, dem Sohne Robert Guiscards, im Jahre 1070 aus dem Material der alten Stadt kümmerlich aufgebaut und fortan Casal nuovo genannt. Mit der Zeit ward sie ein Lehen der Marchesi von Oria und Prinzen von Francavilla. Der schöne, doch nicht alte Palast dieser Feudalherren ist noch das ansehnlichste Gebäude des kleinen Orts. Man sagte mir, dass der Prinz ihn an irgendeinen reich gewordenen Bürger verkauft habe, und solches Schicksal erleiden seit der letzten Umwälzung Italiens zahllose Baronalschlösser in allen Provinzen des Südens.

Manduria hat heute gegen 9000 Einwohner. Es ist eine Stadt von orientalischem Aussehen: die Häuser sind würfelförmig, mit platten Dächern; die Straßen eng und entsetzlich unsauber. Da es Sonntag war, strömte das Volk nach den Kirchen oder tummelte sich auf den Plätzen umher. Es trägt keine Nationaltracht. Die Bildung und dunkle Farbe des Gesichts und die schwer verständliche Sprache erinnerten mich daran, dass ich auf der südlichsten Halbinsel des Festlandes uralter Japygen und Messapier mich befand. Der Eindruck des Orientalischen, welchen Land, Volk und Bauart der Stadt machen, wurde durch die kaum erträgliche Sonnenglut und deren heftigen Reflex von den weißen Wänden der Häuser verstärkt. Wenn die Hitze in Manduria schon in der Mitte des Monats Mai so gewaltig ist, wie furchtbar muss sie erst im Juli und August wirken.

Wir verbrachten die Mittagsstunden in dem unheimlichen Gasthause, oder vielmehr in einer kellerartigen Schenke, wo wir trotz des Festtages mit dem dürftigsten Mittagsmahl abgefertigt wurden. Und doch erscheint das Land ringsumher in Meilenweite als ein herrlicher Garten, aus welchem sich die Fülle aller Produkte erwarten lässt. Es wird aber hier meist nur Öl und Safran gebaut.

Als wir Manduria verließen, um die Reise nach Tarent fortzusetzen, und kaum ins Freie gelangt waren, hielt unser Fuhrwerk an, und ein großer, starkbeleibter Bürger des Orts pflanzte sich ohne Umstände neben den Kutscher hin. Da der kleine Wagen verschlossen war, so wurde uns durch ihn die Aussicht aus dem vordern Fenster zugedeckt. Wir bedeuteten dem ungebetenen Gaste wieder abzusteigen, und, wenn er nun einmal der Fahrgelegenheit sich bedienen wolle, nachzusehen, ob er hinterwärts einen Platz sich einrichten könne. Der Eindringling protestierte mit einer Entschiedenheit, als sei er der wahre Inhaber des Wagens, und da wir auf unserm Willen bestanden, entfernte er sich ungehalten, aber doch mit guter Art. Als wir hierauf von unserm Fuhrmann Aufklärung über diesen Vorfall verlangten, antwortete er uns: «Dieser Mann ist ein wohlhabender Bürger Mandurias; er hat nach Tarent mitfahren wollen, woran ich ihn nicht hindern durfte; denn wisset, meine Herren, er ist ein Haupt der Camorra!» Also breitet auch in diesem stillen Halbinsellande jene furchtbare Genossenschaft des Betrugs und der Erpressung ihr unzerreißbares Gewebe aus.

Zitiert nach:
http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=948&kapitel=1

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